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Pflanzenheilkunde
Lehre über die Verwendung von Heilpflanzen als Arzneimittel
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Die Pflanzenheilkunde oder Phytotherapie (auch Kräutermedizin genannt) ist die Lehre der Verwendung von Heilpflanzen als Phytotherapeutika genannte Arzneimittel. Mit der Erforschung und Herstellung von Phytotherapeutika befasst sich die Phytopharmazie.
Der Echte Arznei-Baldrian (Valeriana officinalis) hat eine lange Tradition als Arzneimittel der Pflanzenheilkunde.
Grundlagen
Pflanzliche Arzneimittel im Arzneimittelrecht
Rolle der Pflanzenheilkunde in der modernen Gesellschaft Bearbeiten
Viele moderne pflanzliche Arzneizubereitungen oder daraus isolierte Reinstoffe haben eine lange Geschichte der Anwendung als Heilmittel – wie etwa Opium, Acetylsalicylsäure, Digitalis, Chinin und andere. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass aktuell 80 % der Weltpopulation die Pflanzenheilkunde für einige Bereiche der grundlegenden medizinischen Betreuung einsetzt. Für einen großen Teil der Weltpopulation, von der die Hälfte mit weniger als (umgerechnet) zwei US-$ pro Tag auskommen muss, sind kommerzielle Medikamente sehr teuer. In der Pflanzenheilkunde kann man auf Produkte der Natur zurückgreifen, die weniger oder gar nichts kosten. In Deutschland betrug der Anteil rezeptfreier Phytopharmaka und Homöopathika (in der Selbstmedikation und ärztlich verordnet) im Jahr 2015 31 Prozent des Umsatzes mit rezeptfreien Arzneimitteln.[9] Der Umsatz mit Phytopharmaka war 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 5,9 Prozent gestiegen.
Die Phytotherapie und ihre speziellen Formen Bearbeiten
Der Begriff Phytotherapie wurde von Henri Leclerc (* 1870; 1955) international geprägt, einem französischen Arzt, der 1922 das Buch Précis de Phytothérapie veröffentlichte.[10] In Deutschland begründete ab 1931 Rudolf Fritz Weiss die wissenschaftliche Pflanzenheilkunde.[11]
Traditionelle Phytotherapie in europäischen Ländern Bearbeiten
Die traditionelle Phytotherapie war bis 1800 in Europa unumstößliche Grundlage für alle Arzneibücher, geriet aber durch das Aufkommen der Naturwissenschaften auf ein Nebengleis.[12] Mit der Entwicklung der naturwissenschaftlich orientierten Medizin seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden aber auch pflanzliche Arzneimittel vermehrt Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse.[12] Die traditionelle Phytotherapie ist eine Therapierichtung, die sich primär auf überlieferte Erfahrungen stützt (Volksheilkunde). Dabei kann eine volkstümliche[13][14] bzw. traditionelle Verwendung je nach Land unterschiedlich begründet sein. In der EU gibt es schätzungsweise 29.000 auf Pflanzenheilkunde spezialisierte Heilpraktiker.[15]
Rationale Phytotherapie Bearbeiten
Die rationale Phytotherapie basiert auf der traditionellen europäischen Phytotherapie, erhebt aber darüber hinaus den Anspruch, neben vorhandenem Erfahrungsmaterial naturwissenschaftliche Bewertungsmaßstäbe zu verwenden und die Wirksamkeit der enthaltenen Pflanzen sowie der Zubereitungen und Kombinationen jeweils anhand von Studien belegt zu haben.[16] Dabei wird davon ausgegangen, dass jeder Extrakt, der in einem rationalen Phytopharmakon enthalten ist, nachgewiesenermaßen zur klinischen Wirksamkeit beiträgt. Neben den Inhaltsstoffen, die zur Wirkung direkt beitragen, enthalten Phytopharmaka weitere Inhaltsstoffe, die den Effekt der wirksamen Inhaltsstoffe modifizieren können, indem sie z. B. deren Stabilität oder Bioverfügbarkeit beeinflussen.[17] Generell gilt der gesamte Extrakt (bzw. die Extraktkombination) und damit ein Vielstoffgemisch als arzneilicher Wirkstoff. Hier unterscheidet sich die rationale Phytotherapie von der Therapie mit synthetischen Wirkstoffen, die als Einzelsubstanzen verabreicht eine heilende Wirkung hervorrufen sollen. Die rationale Phytotherapie erhebt den Anspruch, auf Phytopharmaka die gleichen Wissenschaftsmethoden anzuwenden wie auf synthetische Arzneimittel.[18] Als maßgeblicher Standard der naturwissenschaftlichen Medizin wird heute die evidenzbasierte Medizin proklamiert, welche nach David Sackett „eine gewissenhafte, vernünftige und bestmögliche Nutzung der gegenwärtig besten externen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur medizinischen Versorgung von Patienten“ darstellt.[18] In diesem Sinne gehören pharmakologische und toxikologische Untersuchungen ebenso zur rationalen Phytotherapie wie der Wirksamkeitsnachweis in randomisierten, kontrollierten Doppelblindstudien nach den Richtlinien der Good Clinical Practice.[19]
Japanische Phytotherapie (Kamp) Bearbeiten
Die Bezeichnung Kamp kam in Japan während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, um die traditionelle Medizin gegen die einströmende westliche Medizin abzugrenzen. Zwar bedeutet sie wörtlich so viel wie chinesische Verfahren/Rezepte, chinesische Richtung, doch hat Japan bereits während der Edo-Zeit und ganz besonders seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Neuerungen entwickelt, die die japanische Kamp-Medizin von der traditionellen chinesischen Medizin deutlich unterscheidet. Einige Autoren schlossen Therapieverfahren wie Massage, Akupunktur und Diätetik ein. Mittlerweile hat sich aber die engere Fassung als japanische Phytotherapie durchgesetzt. Bei der Diagnose legen viele Vertreter der Kamp-Medizin großen Wert auf die Bauchdiagnose (Palpation).[20]
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) Bearbeiten
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) verwendet Pflanzen und deren Bestandteile. Seit Jahrzehnten wird die medizinische Wirksamkeit der chinesischen Kräutermedizin oder TCM in Studien erforscht. Schweizer Forscher haben 2007 eine Metaanalyse von 136 Studien zur chinesischen Kräutermedizin vorgenommen.[21] Insgesamt waren von diesen Studien nur zwei Prozent von guter Qualität. Viele Studien waren von methodisch zu schlechter Qualität, um seriöse Aussagen zu erlauben.[22][23][24][25] Zurzeit scheint es unklar zu sein, ob die chinesische Kräutertherapie mehr Nutzen als Schaden bringt.[25] Die Autoren der Studie[21] stimmen deshalb Ernst[26] zu, dass angesichts der Popularität der Kräutermedizin mehr Forschung nötig ist, um den Stellenwert zu bestimmen, und dieser Vorschlag auch die chinesische Kräutermedizin betreffe.
Ernst kommentierte die oben genannte Studie[21] so: „Chinesische Kräuter Medizin (CKM) wird häufig angepriesen, als stehe ihre Wirksamkeit außer Frage – 3000 Jahre Geschichte können nicht irren! […] Ein anderer, hochinteressanter Befund betrifft die individualisierte CKM. Wenn ein Patient mit CKM behandelt wird, dann erhält er fast immer eine Mixtur, die nach den Prinzipien der TCM ganz individuell auf ihn zugeschnitten ist. Viele glauben, dass dieses Vorgehen nicht mit randomisierten Studien überprüfbar sei. Dies stimmt ganz sicher nicht. Was allerdings richtig ist, ist die Tatsache, dass nur sehr wenige Studien existieren, die die Effektivität dieser individualisierten CKM testen. In der vorliegenden Analyse fanden sich nur zwei derartige Untersuchungen. Beide zeigen nicht, dass dieses Vorgehen wirksam ist […]“[27]
Siehe auch: Chinesische Pflanzenheilkunde
Ayurveda Bearbeiten
Auch in der indischen Ayurveda-Tradition werden Pflanzen zur Heilung eingesetzt.
Methoden der Zubereitung Bearbeiten
Bei allen Zubereitungsarten spielt die Auslösungszeit eine besondere Rolle, da sich abhängig von der Zeit bestimmte Stoffe aus den Pflanzen lösen. Bei der Zubereitung als Aufguss und Dekokt ist darüber hinaus von Bedeutung, dass die Pflanzen mit geschlossenem Deckel ziehen beziehungsweise auskochen, da sich bei diesem Vorgang meist therapeutisch besonders wirksame ätherische Öle bilden, die besonders flüchtig sind und ansonsten verloren gehen würden. Die Zubereitung und Dosierung entsprechender Präparate bedarf Expertenwissens, eventuell besteht die Gefahr von tödlichen Vergiftungen.
Die Zubereitungsweise richtet sich nach den Inhalts- bzw. Wirkstoffen, welche man aus den Pflanzenteilen (vor allem) extrahieren möchte. Die Art der Zubereitung kann entscheidenden Einfluss auf die Wirkungsweise ein und derselben Pflanzenart haben.
Infus: Pflanzenteile werden mit heißem bzw. kochendem Wasser übergossen und nach einer bestimmten Ziehzeit abgeseiht.
Dekokt: Pflanzenteile werden in Wasser gekocht und dann abgeseiht, vor allem bei Wurzeln oder kieselsäurehaltigen Pflanzen.
Mazerat: Pflanzenteile werden mit kaltem Wasser aufgegossen und nach einer bestimmten Ziehzeit abgeseiht, zum Beispiel bei schleimstoffhaltigen Pflanzen, da Schleimstoffe hitzeempfindlich sind.
Mischformen: Pflanzenteile werden beispielsweise mit kaltem Wasser aufgegossen, stehen gelassen und anschließend ausgekocht (Mazerationsdekokt).
Perkolat: Pflanzenteile werden von einem Menstruum (Lösungsmittel) durchsickert, wobei das Menstruum kontinuierlich nachgeführt wird. Durch das Verfahren der Perkolation wird ein Lösungsmittelgleichgewicht unterbunden. Die vollständige Auslösung von Inhaltsstoffen ist hierdurch möglich. Bekanntestes Beispiel für ein Perkolat ist der Filterkaffee.
Tinktur: alkoholischer Auszug
Urtinktur: Ein wie die Tinktur ebenfalls alkoholischer Auszug, der in der Homöopathie als Ausgangsstufe für die Herstellung homöopathischer Potenzen eingesetzt wird.
Ölauszug: Als Auszugsmittel dienen synthetische oder pflanzliche Öle. Der Auszug kann warm (bis 70 °C) oder kalt durchgeführt werden (für äußerliche Anwendungen oder zur Salbenherstellung).
Salbe: Pflanzenextrakte können zur Salbenherstellung verwendet werden. Dabei kommen synthetische oder natürliche Grundstoffe zum Einsatz (beispielsweise Bienenwachs). Wenn verschiedene Phasen verwendet werden (wässrige Auszüge, alkoholische Auszüge, Ölauszüge), muss meist ein Emulgator zugegeben werden.
Gel: Gele können beispielsweise aus wässrigen oder verdünnten alkoholischen Extrakten hergestellt werden, und zwar mit Hilfe von Gelbildnern (beispielsweise Xanthan).
Systematisierung der pflanzlichen Inhaltsstoffe
Pflanzenheilkundler in der Geschichte Bearbeiten
Hippokrates von Kos (um 460 v. Chr. bis etwa 370 v. Chr.)
Theophrastos von Eresos (um 371 v. Chr. bis um 287 v. Chr.), zwei Werke zur Pflanzenkunde auf Basis der aristotelischen Botanik
Nikandros aus Kolophon (um 197 v. Chr. bis um 133 v. Chr.), Autor der ältesten erhaltenen Kräuterbücher
Krateuas (um 100 v. Chr.), der berühmteste Pharmakologe der Antike
Quintus Sextius (1. Jahrhundert v. Chr.), verfasste eine einflussreiche Materia medica
Pedanios Dioscurides (1. Jahrhundert), Beschreibung 813 pflanzlicher Arzneimittel in De materia medica, maßgeblich für alle folgenden Kräuterbücher in Europa und Vorderasien
Walahfrid Strabo (um 808 bis 849), Autor des Lehrgedichtes Liber de cultura hortorum
Avicenna (um 980–1037), umfassendste systematische Darstellung des medizinischen Wissens des Mittelalters mit 650 Simplicia pflanzlicher Herkunft
Ibn Butlan ( um 1065), umfassende Lehre der Diätetik in tabellarischer Form, lateinische Fassungen mit zahlreichen Pflanzendarstellungen
Odo Magdunensis (11. Jahrhundert), Autor des Macer floridus, im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum das Standardwerk der Kräuterheilkunde
Hildegard von Bingen (1098–1179), die ihr zugeschriebene Physica enthält insgesamt etwa 300 Pflanzenkapitel[28]
Abu Muhammad ibn al-Baitar (1190–1248), Autor einer pharmazeutischen Enzyklopädie, in der er 1400 Pflanzen, Lebensmittel und Arzneimittel beschrieb
Vitus Auslasser (15. Jahrhundert), Autor eines bebilderten Kräuterbuchs (1479)
Johann Wonnecke von Kaub (um 1430 bis ca. 1503), Arzt und Botaniker, verfasste den sehr einflussreichen Gart der Gesundheit
Hieronymus Brunschwig (um 1450 bis um 1512), deutscher Wundarzt und Botaniker, Vorläufer der Väter der Botanik
Otto Brunfels (1488–1534), Arzt und Botaniker, einer der Väter der Botanik
Hieronymus Bock (1498–1554), Arzt und Botaniker, einer der Väter der Botanik
Leonhard Fuchs (1501–1566), Arzt und Botaniker, einer der Väter der Botanik
Pietro Andrea Mattioli (1501–1577), italienischer Arzt und Botaniker
Johann Kentmann (1518–1574), deutscher Mediziner und Naturforscher
Tabernaemontanus (um 1522 bis 1590), deutscher Arzt und Apotheker sowie Professor für Medizin und Botanik
Sebastian Kneipp (1821–1897), verknüpfte die Pflanzenheilkunde mit der Naturheilkunde
Johann Künzle (1857–1945), neben Sebastian Kneipp der wohl bekannteste Kräuterpfarrer
Henri Leclerc (1870–1955), französischer Arzt, führte den Begriff Phytotherapie ein
Gerhard Madaus (1890–1942), Standardwerk Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Abteilung I. (Heilpflanzen)
Rudolf Fritz Weiss (1895–1991), Begründer der wissenschaftlichen Pflanzenheilkunde in Deutschland
Maurice Mességué (1921–2017), französischer „Kräuterpapst“
Heinz Schilcher (1930–2015), „Vater einer reproduzierbaren Phytopharmaka-Qualität“
Franz-Christian Czygan (1934–2012), einer der ursprünglichen Hauptautoren des Standardwerkes Teedrogen und Phytopharmaka
RS1
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